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Backtest-Leistungskennzahlen richtig lesen — Die Zahlen im Bericht korrekt interpretieren

Zuletzt aktualisiert: 2026-05-20 | Lesezeit: ca. 15 Minuten

Ein Backtest-Bericht ist mit vielen Zahlen gefüllt — und gerade am Anfang ist es nicht leicht zu erkennen, welche davon wirklich über die Qualität eines EAs entscheiden. Wer nur auf den Gesamtgewinn schaut, kann einen gefährlichen EA fälschlicherweise für einen guten halten. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Kennzahlen und gibt realistische Richtwerte.

Gesamtgewinn allein ist kein Urteil

Der erste Blick im Backtest-Bericht fällt meist auf den Nettogewinn — doch allein danach zu urteilen ist gefährlich. Ein hoher Nettogewinn kann bedeuten, dass das Konto zwischenzeitlich halbiert wurde oder schlicht die Lotgröße übertrieben groß war.

Ein EA muss immer im Verhältnis von erzieltem Gewinn zu eingegangenen Risiken bewertet werden. Die Kennzahlen im Bericht lassen sich übersichtlich in drei Kategorien einteilen: Rentabilität, Risiko und Stabilität.

Kennzahlen zur Rentabilität

Gesamtnettogewinn (Total Net Profit)

Gesamtgewinn minus Gesamtverlust — das Endergebnis des EAs. Allein aussagekräftig ist diese Zahl nicht.

Profit Factor (PF)

Gesamtgewinn ÷ Gesamtverlust. Bei 1,0 Gewinnschwelle, über 1,0 im Plus. 1,1–1,5 ist ein gesunder Bereich; über 3,0 besteht Verdacht auf Curve Fitting.

Erwarteter Gewinn (Expected Payoff)

Durchschnittlicher Gewinn oder Verlust pro Trade. Ein positiver Wert bedeutet, dass der Erwartungswert pro Transaktion positiv ist. Wichtig: auch nach Abzug aller Kosten im Plus.

Recovery Factor

Gesamtnettogewinn ÷ maximaler Drawdown. Zeigt, wie effizient relativ zum eingegangenen Drawdown-Risiko verdient wurde. Je höher, desto besser.

Kennzahlen zum Risiko

Maximaler Drawdown (Maximal Drawdown)

Größter prozentualer und absoluter Rückgang vom Höchstpunkt des Kontostands. Diese Zahl zeigt, welchen Rückgang man im realen Betrieb aushalten muss.

Relativer Drawdown (Relative Drawdown)

Drawdown als prozentualer Anteil des Kontostands — spiegelt den gefühlten Schmerz im realen Betrieb am ehesten wider. 20 % oder weniger gilt als Richtwert.

Maximale Verlustserie (Consecutive Losses)

Höchste Anzahl aufeinanderfolgender Verlusttrades. Im realen Betrieb können noch längere Serien auftreten — die Geldverwaltung muss darauf vorbereitet sein.

Verlustbetrag der maximalen Verlustserie

Nicht der einzelne Verlust, sondern der Gesamtverlust während der längsten Verlustserie. Prüfen, ob das Konto diesen Betrag verkraften kann.

Kennzahlen zur Stabilität

Gesamtzahl der Trades (Total Trades)

Maßstab für statistische Verlässlichkeit. Weniger als 100 Trades, idealerweise weniger als 300, lassen die Ergebnisse möglicherweise als Zufall erscheinen.

Trefferquote (Win Rate)

Anteil der gewinnenden Trades. Allein bedeutungslos — immer zusammen mit dem Risiko-Rendite-Verhältnis (RR) betrachten. Selbst 40 % Trefferquote ergibt bei RR 1:2 einen positiven Erwartungswert.

Sharpe Ratio

Effizienz des Ertrags in Relation zum Risiko (Schwankung). Je höher, desto stabiler wird verdient. Ein Wert um 1,0 gilt als Richtwert.

Equity-Kurve (Balance-Grafik)

Keine Zahl, aber die wichtigste Übersicht überhaupt. Zu glatt deutet auf Curve Fitting hin, treppenförmig ist stabil, plötzliche Einbrüche zeigen die Risikostellen.

Gesunde Richtwerte für Kennzahlen

Richtwerte für einen gesunden EA in einem Backtest über mindestens 5 Jahre. Sind die Werte zu gut, ist eher Überoptimierung zu vermuten.

KennzahlGesunder RichtwertBedenklicher Wert
Profit Factor1,1–2,0Über 3,0 (Verdacht auf Curve Fitting)
Relativer Drawdown10–25 %Über 40 % (zu hohes Risiko)
Recovery Factor2,0 oder mehrUnter 1,0 (ineffizient)
Gesamtzahl der Trades100 oder mehrUnter 50 (zu wenig für verlässliche Aussage)
Sharpe Ratio0,5 oder mehrNegativ (Risiko nicht gerechtfertigt)
Kein einzelner Wert ist allein entscheidend — immer mehrere Kennzahlen kombiniert und im Gesamtbild beurteilen. Und selbst bei guten Backtest-Zahlen: Die Reproduzierbarkeit muss durch Walk-Forward-Analyse und Forward-Test bestätigt werden.

🔬 Prüfen, ob die Zahlen echt sind

Gute Kennzahlen im Bericht bedeuten nichts, wenn Überoptimierung vorliegt — dann werden sie im realen Betrieb nicht reproduzierbar sein. Bestätigen Sie mit einer Walk-Forward-Analyse, ob der Vorteil echt ist.

Walk-Forward-Analyse lesen →

Häufig gestellte Fragen

Q: Wie hoch sollte der Profit Factor sein?

Bei einem Backtest über mindestens 5 Jahre ist 1,1–2,0 ein gesunder Bereich. Unter 1,0 ist der Erwartungswert negativ und damit indiskutabel. Über 3,0 hingegen ist dringend auf Curve Fitting (Überoptimierung) zu prüfen. Ein echter Vorteil zeigt sich in nüchternen Zahlen.

Q: Ist ein EA mit hoher Trefferquote ein besserer EA?

Nein. Die Trefferquote allein sagt nichts aus. 40 % Trefferquote bei einem RR von 1:2 ergibt einen positiven Erwartungswert. Umgekehrt kann eine 90-%-Trefferquote bei seltenen, aber riesigen Verlusten unterm Strich im Minus landen. Die Trefferquote ist immer zusammen mit dem Risiko-Rendite-Verhältnis zu betrachten.

Q: Wie viel Drawdown ist akzeptabel?

Als Richtwert gilt ein relativer Drawdown von 10–25 %. Ein EA mit mehr als 40 % ist im realen Betrieb sowohl psychologisch als auch finanziell kaum auszuhalten. Maßgeblich ist, ob man den Rückgang nüchtern und ohne Panikhandlungen durchhalten kann.

Q: Wie viele Trades sind nötig, um verlässlichen Aussagen zu vertrauen?

Mindestens 100 Trades, idealerweise 300 oder mehr. Bei wenigen Trades ist die Wahrscheinlichkeit, dass gute Ergebnisse auf Zufall beruhen, hoch. Bei EAs mit niedriger Handelsfrequenz (H4, D1) ist ein langer Backtest-Zeitraum nötig, um ausreichend Trades zu sammeln.

Q: Was bedeutet der Recovery Factor?

Er ergibt sich aus dem Gesamtnettogewinn geteilt durch den maximalen Drawdown und zeigt, wie effizient das eingegangene Risiko belohnt wurde. 2,0 oder mehr ist erstrebenswert; unter 1,0 bedeutet, dass der Drawdown im Verhältnis zum Gewinn zu groß ist — ein ineffizienter EA.