Wie stark sinkt die Performance eines EA, wenn sich der Spread verdoppelt? — Vorgehen für eine Sensitivitätsanalyse
Inhalt
- Fazit: Entscheidend ist, wie viel ein EA pro Trade abschöpft
- Mechanik: Der Performanceverlust ist nur "zusätzlicher Spread × Anzahl der Trades"
- Ablauf: Spread-Stresstest in MT5 durchführen
- 1. Referenztest durchführen
- 2. Spread in festen Stufen erhöhen
- 3. Nicht den PF selbst, sondern den "Verfall des PF" betrachten
- 4. Gebühren mit einrechnen
- 5. Den real gemessenen Spread des eigenen Kontos erfassen
- Grenzen: Was diese Analyse nicht zeigt
- Zusammenfassung
Fazit: Entscheidend ist, wie viel ein EA pro Trade abschöpft
Wenn sich der Spread verdoppelt, bleibt die Performance mancher EAs nahezu unverändert, während andere von der Gewinn- in die Verlustzone rutschen. Dieser Unterschied hat nichts mit der Qualität der Strategie zu tun, sondern folgt einer simplen Division: Wie groß ist der Anteil der zusätzlichen Kosten am durchschnittlichen Gewinn pro Trade?
Steigt der Spread eines EA, der im Schnitt 10 Pips mitnimmt, von 1 Pip auf 2 Pips, entsprechen die zusätzlichen Kosten 10 % des durchschnittlichen Gewinns. Bei einem EA, der im Schnitt nur 3 Pips mitnimmt, verschwinden 33 %. Dieselbe "Spread-Verdopplung" wirkt sich also völlig unterschiedlich aus.
Bevor wir einen EA veröffentlichen, führen wir grundsätzlich diese Spread-Sensitivitätsanalyse durch. Im Folgenden erklären wir die dahinterliegende Logik sowie den Ablauf, den Sie selbst nachvollziehen können.
Mechanik: Der Performanceverlust ist nur "zusätzlicher Spread × Anzahl der Trades"
Der Gesamtverlust durch eine Spread-Verschlechterung folgt einer erstaunlich einfachen Formel.
Verlust ≒ zusätzlicher Spread (in Währungseinheiten) × Gesamtzahl der Trades
Es gibt also nur zwei relevante Variablen: die Anzahl der Trades und den Gewinn pro Trade. Daraus ergibt sich, welcher Strategietyp anfälliger ist.
| Strategietyp | Anzahl der Trades | Durchschnittlicher Gewinn | Auswirkung einer Spread-Verdopplung |
|---|---|---|---|
| Kurzfristig, viele kleine Gewinne (M1–M15 Scalping) | Sehr hoch | Klein | Extrem groß. Gewinn kann in Verlust umschlagen |
| Mittelfristiger Trendfolge-Ansatz (H1–H4) | Moderat | Mittel bis groß | Begrenzt, oft nur ein paar Prozentpunkte Rendite pro Jahr |
| Langfristiger Breakout-Ansatz (D1) | Gering | Groß | Praktisch vernachlässigbar |
Ein konkretes Beispiel: GOLD KING v6 (XAUUSD M1) verzeichnete über 7,5 Jahre Backtest 2834 Trades, GOLD NEURON (XAUUSD M15) über 7 Jahre 765 Trades. BITCOIN GLACIER (BTCUSD D1) dagegen kommt über 8 Jahre nur auf 28 Trades, BITCOIN COIL (BTCUSD H4) über 8 Jahre auf lediglich 57 Trades. Bei derselben Spread-Ausweitung liegt der Gesamtbetrag bei 2834 Zahlungen hundertmal höher als bei 28.
Erschwerend kommt hinzu, dass EAs mit hoher Trefferquote und kleinen Gewinnen besonders anfällig sind. GOLD PIVOT (XAUUSD M1) hat eine Trefferquote von 90,6 %, GOLD KING v6 von 83,1 % — doch eine hohe Trefferquote beruht meist auf einem Design, das "oft klein" mitnimmt. Wird der kleine Gewinn von den steigenden Kosten aufgezehrt, sinkt die Trefferquote selbst. Aus Gewinn-Trades werden Breakeven-Trades, aus Breakeven-Trades werden Verlust-Trades — so bricht die Struktur zusammen.
Ein Trendfolge-Ansatz wie MEGAMAX DON EURJPY (EURJPY H1, Trefferquote 25,2 %, 571 Trades) ist dagegen von vornherein so konzipiert, dass die niedrige Trefferquote durch die Gewinngröße ausgeglichen wird. Die Rendite stützt sich auf wenige große Gewinne, sodass eine leicht höhere Einstiegskostenbelastung die Ertragsstruktur kaum gefährdet. Eine niedrige Trefferquote wirkt hier sogar wie ein Schutzmechanismus.
Ablauf: Spread-Stresstest in MT5 durchführen
Sobald die Logik klar ist, lässt sie sich mit konkreten Zahlen überprüfen. Das ist kein komplizierter Vorgang.
1. Referenztest durchführen
Zunächst den Strategietester im Modus "Alle Ticks basierend auf echten Ticks" laufen lassen und das Ergebnis als Referenz speichern. Dabei unbedingt vier Werte festhalten: Nettogewinn, PF, Gesamtzahl der Trades und den durchschnittlichen Gewinn pro Gewinn-Trade. Gerade der durchschnittliche Gewinn-Trade dient später als Nenner für die Abschätzung.
2. Spread in festen Stufen erhöhen
Die Spread-Einstellung im Tester von "aktueller Wert" auf einen festen Wert umstellen und in vier Stufen testen: erwarteter Wert, das 1,5-fache, das 2-fache und das 3-fache. Bei volatilen Instrumenten wie Gold oder Bitcoin lohnt es sich, auch das 3-fache zu prüfen — bei Nachrichtenveröffentlichungen oder in den frühen Morgenstunden kann sich der Spread tatsächlich um ein Vielfaches ausweiten.
3. Nicht den PF selbst, sondern den "Verfall des PF" betrachten
Entscheidend ist nicht der absolute Wert je Stufe, sondern die Neigung der Kurve. Ein EA, dessen PF sich bei doppeltem Spread kaum verändert, verfügt über ausreichend Gewinnmarge gegenüber den Kosten. Fällt der PF bei doppeltem Spread dagegen bis nahe an 1,0, hängt der aktuelle Gewinn stark vom bestehenden Spread-Umfeld ab. Das ist nicht zwangsläufig ein Mangel, sollte aber als Hinweis verstanden werden, dass dieser EA nur bei günstigen Kontobedingungen sinnvoll läuft.
4. Gebühren mit einrechnen
ECN-Konten haben zwar einen engeren Rohspread, dafür aber eine Round-Turn-Kommission. Wird im Tester im Kommissionsfeld nicht der tatsächliche Wert hinterlegt, entsteht durch den scheinbar engen Spread eine Fehleinschätzung als "günstig".
5. Den real gemessenen Spread des eigenen Kontos erfassen
Den erwarteten Wert muss man selbst messen. Ein Monitoring-Skript auf das vorgesehene Live-Konto legen und über eine Handelswoche Durchschnitt und Maximum protokollieren. Kriterien zur Brokerwahl finden Sie im FX-Broker-Vergleich. Wie ein EA eingerichtet wird, ist in der EA-Einrichtungsanleitung beschrieben.
Grenzen: Was diese Analyse nicht zeigt
Der Ehrlichkeit halber: Ein Spread-Stresstest bildet nur einen Teil der realen Betriebskosten ab.
- Slippage ist ein separates Problem. Der feste Spread im Tester enthält keine Ausführungsverzögerungen oder Slippage. In der Praxis treten Spread-Ausweitung und Slippage gleichzeitig auf.
- Der Zeitpunkt der Ausweitung lässt sich nicht abbilden. Der Test mit festem Wert verteilt die Kosten gleichmäßig über den gesamten Zeitraum, während sich der reale Spread gezielt in volatilen Marktphasen ausweitet. Fällt dies mit Phasen zusammen, in denen der EA aktiv ist, ist der tatsächliche Schaden größer als im Test mit festem Wert. Diesen Unterschied können wir nicht quantifizieren.
- Instrumentenspezifische Unterschiede müssen separat geprüft werden. Kontraktgröße, minimaler Stop-Level und Swap unterscheiden sich je nach Broker und beeinflussen die Performance unabhängig vom Spread.
- Vergangene Spread-Bedingungen garantieren nicht die Zukunft. Ändert sich die Liquiditätsstruktur, verschiebt sich auch das normale Spread-Niveau selbst.
Verstehen Sie diesen Test daher nicht als "Werkzeug, um einen sicheren EA zu finden", sondern als Werkzeug, um die Abhängigkeit von den Kostenbedingungen einzuschätzen. Die real gemessenen Werte der einzelnen EAs finden Sie im Ranking aller EAs mit realen Messwerten.
Zusammenfassung
- Die Auswirkung einer Spread-Verschlechterung ergibt sich fast vollständig aus "zusätzlicher Spread × Anzahl der Trades" — das ist eine Frage des Designs, nicht der Strategiequalität.
- Je mehr Trades ein EA ausführt und je kleiner der Gewinn pro Trade ist, desto anfälliger ist er. Bei 2834 Trades von GOLD KING v6 gegenüber 28 Trades von BITCOIN GLACIER liegt der Gesamtkostenbetrag bei derselben Ausweitung um Größenordnungen auseinander.
- EAs mit hoher Trefferquote sind häufig auf kleine Gewinne ausgelegt, sodass steigende Kosten die Trefferquote selbst senken können.
- Trendfolge-Ansätze haben eine niedrigere Trefferquote, verdienen aber über die Gewinngröße und sind dadurch relativ widerstandsfähiger.
- Vorgehen: "Referenztest → 1,5-, 2- und 3-fach → Neigung des PF betrachten → Gebühren einrechnen → realen Spread des eigenen Kontos messen".
- Slippage, Zeitpunkt der Ausweitung und instrumentenspezifische Unterschiede lassen sich jedoch nicht abbilden. Der Test ist kein Allheilmittel, sondern lediglich ein Werkzeug zur Einschätzung der Abhängigkeit.
Eine Übersicht kostenloser EAs finden Sie hier, Wissen rund um Verifizierung und den Betrieb mit MT5 im Knowledge-Bereich.
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