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[76] „+5.000%" im Backtest: die Zinseszins-Illusion

Veröffentlicht: 2026-07-15Lesezeit: ca. 2 Min
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Lass dich nicht von „+5.000%“ im Backtest täuschen

„+6.408% in 10 Jahren“, „100-facher Kontostand“ — auf Verkaufsseiten für EAs sind einem solche Zahlen sicher schon begegnet, die man kaum glauben kann. Intuitiv denkt man: „Wenn das so stark wächst, muss der EA hervorragend sein.“ Doch solche gigantischen Reingewinn-Prozentzahlen entstehen in den meisten Fällen nicht durch die tatsächliche Leistung des EAs, sondern durch die Multiplikation des Zinseszinses.

Derselbe EA, aber nur durch Compounding-Einstellungen ein x-fach höherer Gewinn

Zuerst die entscheidende Tatsache: Bei exakt derselben Trefferquote und demselben Profit Factor kann der Reingewinn in % allein durch die Art des Zinseszins-Einsatzes 10-mal oder sogar 50-mal so hoch ausfallen.

Beim Compounding wird die Lot-Größe proportional zum gewachsenen Kontostand erhöht. Gewinnt man zu Beginn etwas, wird beim nächsten Trade mit größerer Lot-Größe gehandelt. Gewinnt dieser wieder, wird die Lot-Größe noch größer. Solange es gut läuft, wächst der Reingewinn in % exponentiell.

Die Zahl „+6.408%“ bedeutet also nicht, dass der EA überragend ist. Sie bedeutet lediglich, dass der Zinseszins-Effekt stark eingesetzt wurde. Würde man denselben EA mit fester Lot-Größe laufen lassen, läge der Reingewinn im selben Zeitraum vielleicht bei +150%. An der tatsächlichen Leistung hat sich nichts geändert, doch die angezeigte Zahl unterscheidet sich um mehr als das 40-Fache.

Zinseszins beschleunigt nicht nur den Anstieg, sondern auch die Zerstörung

Das eigentliche Problem beim Compounding ist, dass es nicht nur beim Wachstum wirkt. Beim Rückgang wirkt es mit derselben Kraft.

Was passiert, wenn nach gewachsenem Kontostand und entsprechend größerer Lot-Größe ein starker Drawdown kommt? Man verliert mit größeren Lots, also fällt auch der Verlust entsprechend höher aus. Zinseszins lässt Gewinne exponentiell wachsen, beschleunigt aber im Gegenzug auch den Rückgang, sobald sich der Markt gegen einen wendet.

Hinter der „+6.408%“ eines stark mit Compounding gerechneten Backtests verbirgt sich daher meist ein enormer maximaler Drawdown. Schaut man sich den tatsächlichen Report desselben EAs an, findet man nicht selten einen DD von 89% — das heißt, es gab eine Phase, in der fast 90% des Kapitals vorübergehend verloren waren. Wer nur auf den Reingewinn in % schaut und den DD ignoriert, sieht diese Gefahr nicht.

Deshalb zählt nicht der Reingewinn in %, sondern das hier

Um die tatsächliche Leistung eines EAs zu beurteilen, ist der durch Compounding aufgeblähte Reingewinn in % als Kennzahl ungeeignet. Entscheidend sind stattdessen folgende Werte:

Zu prüfende KennzahlBegründung
Profit FactorBleibt vom Zinseszins unbeeinflusst. Reines Verhältnis von Gesamtgewinn zu Gesamtverlust
Maximaler Drawdown (auf Equity-Basis)Hier zeigt sich der Preis des Compoundings. Immer zusammen mit dem Reingewinn in % betrachten
Trefferquote und durchschnittliches Gewinn-Verlust-VerhältnisZeigt den Charakter der Strategie (siehe Artikel zur Trefferquote)
Anzahl der TradesPrüft, ob die Zahlen nicht bloß Zufall sind (siehe Artikel zur Trade-Anzahl)

Der Profit Factor bleibt gleich, egal ob Compounding eingesetzt wird oder nicht. Wer verschiedene EAs fair vergleichen will, sollte sich daher am PF orientieren — nicht am Reingewinn in %.

Warum wir „Zinseszins-Magie“ nicht als Verkaufsargument nutzen

Rechnungen nach dem Motto „Jährliche Rendite mal 10 Jahre ergibt so und so viel“ sind kein Versprechen. Der Markt verläuft nicht konstant, und sobald zwischendurch ein Drawdown auftritt, wirkt der Zinseszins-Effekt in die entgegengesetzte Richtung. Wir stellen Jahresrenditen und Reingewinn-Prozentzahlen bewusst nicht plakativ heraus, weil wir wissen: Durch Compounding aufgeblähte Zahlen sind kein Beleg für Leistung, sondern ein Produkt der Einstellungen.

Auf unseren Produktseiten zeigen wir neben dem Reingewinn in % stets auch Profit Factor und effektiven Drawdown, und bei offensiv ausgerichteten EAs geben wir die Definition des „Compoundings“ sowie das damit verbundene Risiko eines Totalverlusts ausdrücklich an.

Selbst nachprüfen

Führe mit einem kostenlosen EA einen Backtest durch und schalte UseCompounding zwischen true und false um, um zu sehen, wie stark sich der Reingewinn in % dadurch verändert. Der Profit Factor sollte gleich bleiben, während sich allein der Reingewinn in % stark verändert. Das ist der praktische Beweis dafür, dass der Reingewinn in % kein Maßstab für die tatsächliche Leistung ist.

Details zum Donchian Trend Engine (kostenloser EA)

Die tatsächlichen Daten aller Produkte auf Basis von PF und effektivem DD — unabhängig vom Compounding — findest du auf der Verifizierungsseite.

Fazit

  • Gigantische Reingewinn-Prozentzahlen (z. B. +5.000%) entstehen nicht durch tatsächliche Leistung, sondern durch die Multiplikation des Zinseszinses
  • Bei demselben EA kann der Reingewinn in % allein durch die Compounding-Einstellung um ein Vielfaches variieren
  • Zinseszins beschleunigt nicht nur Gewinne, sondern auch den Drawdown
  • Um die tatsächliche Leistung zu beurteilen, solltest du auf PF, effektiven DD, Trefferquote und Anzahl der Trades achten
  • Sei misstrauisch bei EAs, die nur den Reingewinn in % betonen, aber den DD verschweigen

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